Goldene Regeln für modernes Webdesign

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Wer heute Erfolg mit seiner Website haben möchte, sollte ein paar grundlegende Prinzipien nicht vergessen. Wir zeigen, worauf es ankommt – von der mobilen Strategie über Spassfaktor und lebhafter Community bis hin zum termingerechten Launch.

» Von Stefan von Gagern, Tecchannel.de, 11.02.2014 14:00.

Es wurde schon viel darüber geschrieben, was im Webdesign funktioniert und was nicht. Dabei geht es heute oft um Techniken wie HTML5 oder CSS, um Aspekte wie Usability oder um Details wie das Aussehen von klickbaren Buttons in Online-Shops. Viele Websites scheitern aber an viel grundlegenderen Prinzipien, die den Betreibern eigentlich selbstverständlich und klar erscheinen, vielleicht gerade deshalb aber nur halbherzig verfolgt oder schlicht vergessen werden.

Wir haben einige dieser goldenen Regeln fürs Webdesign zusammengetragen. Diese können Sie nicht nur für die nächste neue oder relaunchte Website anwenden, sondern auch für einen konstruktiven Zwischencheck aktueller Online-Präsenzen.

Der Kunde ist König

Fragt man einen beliebigen Website-Betreiber nach dem Motiv, das seinen Auftritt leitet, wird ehr wahrscheinlich antworten, dass der User immer im Mittelpunkt stehen muss – selbstredend. Dieses Prinzip, zum Start einer Site oft auch eingehalten, wird von so mancher Marketing-Abteilung oder Agentur aber gerne nach und nach verwässert. Hier noch eine Promotion, noch ein Link, noch ein Sonderangebot – alles, um noch mehr verkaufen zu können. Dort noch ein Banner vom Werbepartner, hier eine Klickstrecke, die Zugriffe bringt – schon ist die ehemals aufgeräumte Seite bis zur Unkenntlichkeit zugemüllt. So geht mit der Zeit der Blickwinkel des Besuchers verloren und die Website wird mehr und mehr Abbild des eigenen Unternehmens.

Das berühmte „User Centered Design“ ist der goldene, weil richtige Weg. Niemand will Ihr Unternehmen lange kennen lernen – das überlassen Sie bitte Ihrer Imagebroschüre. Denken Sie an sich selbst, wenn Sie surfen. Es gibt fast immer eine konkrete Aufgabe beim Besuch einer Website: Etwas bestellen, buchen, bestimmte Inhalte oder Infos wie die Telefonnummer für den Kontakt finden, Software oder Infomaterial herunterladen. Die Geduld dafür ist kurz. Wird sie überstrapaziert und der User kann die Aufgabe nicht zügig erledigen, landet er schnell bei der Konkurrenz – und gibt es keine, ärgert er sich noch mehr.

Den Blick für die Zielgruppe zurückzugewinnen, ist kein Hexenwerk – es braucht keine teuren und langwierigen Fokusgruppen-Tests unter Laborbedingungen. Beschreiben Sie die Eigenschaften wie Interessen, Alter, Geschlecht Ihrer Besucher. Denken Sie sich ein paar der typischen Aufgaben aus, die beim Besuch Ihrer Seite zu erledigen sein könnten. Versuchen Sie diese selbst zu erledigen, zum Beispiel die Telefonnummer des Supports herauszufinden oder etwas zu bestellen. Wie lange dauert es? Wie leicht oder schwer gelingt es? Was steht dabei im Weg, ist umständlich? Wenn ihnen etwas negativ auffällt: Aufschreiben und so bald wie möglich nachbessern.

Auf allen Geräten zuhause

Zahllose Studien belegen, dass mittlerweile mehr Websites von Smartphone oder Tablet aus aufgerufen werden als vom Desktop-PC – Tendenz weiterhin steigend. Viele Website-Betreiber vergessen jedoch immer noch, was das bedeutet: Dass die Website auch auf dem Smartphone vernünftig läuft – vor wenigen Jahren noch «nice to have» – ist heute absolute Pflicht. Im vergangenen Jahr wurde daher viel über «Responsive Webdesign» gesprochen. Über den HTML-Standard Media Queries wird die Breite des Browserfensters abgefragt und dann der Inhalt des Weblayouts auf die Displaygrösse neu arrangiert.

Responsive Webdesign ist ein Schritt in die richtige Richtung, wird häufig aber nur zur Hälfte umgesetzt. Vom reinen Umschalten auf drei Darstellungsgrössen (Desktop, Tablet, Smartphone) ist noch keine Website mobil geworden. Der Inhalt wirkt gequetscht, ungünstig angeordnet, Bedienelemente zu klein, Texte schlecht lesbar, die Ladezeiten sind zu lange und selten wird Gestensteuerung unterstützt. Es geht darum, nicht das gesamte Layout einfach nur auf einen kleineren Bildschirm zu quetschen. Die Inhalte sollten für die Unterwegs-Nutzung angepasst werden – indem beispielsweise andere, kleinere Bilder ausgeliefert werden. In manchen Fällen kann auch eine App die bessere mobile Webanwendung sein, gerade wenn viel Applikationslogik und Multimedia im Spiel ist.

Wichtig ist, sich über die mobile Nutzung seiner Website ausführliche Gedanken zu machen, den besten Weg für die technische Umsetzung zu finden und die Website/App auch zu testen. Richtig umgesetzt, kann auch Responsive Webdesign eine einheitliche gute Bedienung über Bildschirmgrössen hinweg bieten – zum Beispiel mit flüssigen Layouts, die sich flexibel anpassen, skalierenden Grafiken und Bildern. Tipp: Das E-Book „Responsive Webdesign“ von Ethan Marcotte (für 9 Dollar zu haben) zeigt, wie Sie diesen einen Schritt weiter gehen.

 

Inhalt, Inhalt, Inhalt

Heute wird viel über «Mobile first» diskutiert. Bei dieser Webdesign-Philosophie geht es darum, dass die mobile Website das Wichtigste und damit der Ausgangspunkt des Webauftritts sein sollte. Kein schlechter Ansatz in diesen Zeiten – dennoch etwas kurz gegriffen, weil es wieder fast ausschliesslich um die technische Umsetzung geht. Gerne wird vergessen, was der Nutzer möchte: Inhalte! Der Ansatz sollte also eher «Content first» lauten. Der User will und sucht Inhalte auf Ihrer Website. Heisst: Der Inhalt sollte bei allen Überlegungen an erster Stelle stehen und entsprechend im Layout die oberste Priorität haben. Beispiel: Statt sich zu fragen, wo noch eine weitere Seitenleiste hin soll, ist es besser zu fragen, ob man überhaupt eine Seitenleiste braucht, die vom Inhalt ablenkt.

«Wenn wir das Layout gestalten, bevor wir Inhalte haben, gestalten wir die Verpackung, bevor wir wissen was drin sein wird. Wenn die Inhalte dann nicht in die Verpackung passen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Neu anfangen, oder den Inhalt in die Verpackung quetschen. Beides wollen wir nicht», schreibt Webdesigner Rian van der Merwe in einem Blogeintrag zu «Content First Webdesign» und betont dabei, dass es oft auch wichtig ist, den Kunden zu erklären, dass sie erst über Inhalte, dann über Grafiken nachdenken müssen.

 

Aufgeräumt bleiben

Viele Websites sehen immer noch aus wie vor zehn Jahren: Eine einzige Seite wird zugepflastert bis unters Dach. Schon auf der Homepage findet der Besucher eine mehrstufige Navigation, viele Links, ein Suchfeld, Promotionplätze, Bilder, Texte und, und, und… Konsequenz: Vor lauter Kleinteilen findet er oft den Einstieg nicht. Vergleich gefällig? Stellen Sie sich vor, Sie kommen in ein Geschäft, in dem neben der eigentlichen Ware auch noch Kartons, Paletten und anderes herum liegen. Das macht einen Eindruck wie beim Discounter. Stellen Sie sich dagegen einen Apple Store vor: Aufgeräumt wie eine Designer-Wohnung, die Produkte klar im Mittelpunkt, freundlich und hell.

Moderne Websites sehen möglichst aufgeräumt aus. Ein extremes, aber gutes Beispiel ist der Webauftritt von «Ifthisthenthat», einem Dienst, der soziale Medien miteinander vernetzt. Nur ein Satz und ein riesiger Button – das was der Erstbesucher braucht – stehen auf der Startseite. Erst nach dem Einloggen oder Anmelden bekommt er in seinem «Dashboard» das serviert, was er braucht.

So radikal funktioniert das natürlich nicht auf jeder Website – aber aussortiert oder etwas entschlackt werden kann immer. Auch beim Planen von Funktionen gilt: Weniger ist mehr! Fragen Sie also: Was brauchen wir wirklich? Was wird tatsächlich von den Kunden genutzt?

 

Der Spassfaktor

Heute denken Teams ausführlich über Usability, Performance, Mobile, Zugänglichkeit und andere wichtige Themen nach und das ist auch gut und richtig so. Oft werden dafür grosse Budgets «verbraten». Was jedoch vor lauter Tests und Optimierungen am Ende untergeht, ist der Unterhaltungsfaktor.

Mit nur ein paar kleinen Details können Sie Ihre Website von denen der Konkurrenz abheben. Dröge Seiten gibt es genug da draussen. Denken Sie an solch simple, nette Dinge wie die persönliche Begrüssung in verschiedenen Sprachen, die es bei Flickr gibt. Oder an die beliebten «Google Doodles» zu besonderen Tagen. Oder den Wal, der zeigt, dass wegen Server-Überlastung bei Twitter einmal mehr nichts geht. Es kann auch eine Illustration oder ein Logo sein, eine schöne Schrift oder eine humorvolle 404-Seite.

Auf diese Weise lassen sich peinliche Fehler wie kaputte Links sympathisch verpacken – so dass sie sogar positiv im Gedächtnis hängen bleiben. Manches, wie der Twitter-Wal, wird zum Kult, den jeder kennt und liebt. Humor passt aber natürlich nicht immer: Wer medizinische Geräte verkauft, sollte so etwas bleiben lassen. In vielen Fällen lohnt es sich aber, über den Unterhaltungswert der Seite nachzudenken.

 

Die Community aktivieren

Vieles, was den Erfolg von Websites ausmacht, kommt nicht von den Machern selbst, sondern von den Besuchern. Ein Online-Shop ohne Kundenrezensionen? Ein Blog ohne Bewertungen und Kommentare? Beides nur die Hälfte wert. Auch wenn manche Kommentare oder Nutzer-Rezensionen von zweifelhafter Qualität sind: Der Besucher des Shops sieht, dass hier etwas los ist und fleissig mitgemacht wird.

Es geht nicht mehr so stark darum, die beste Suchmaschinenoptimierung der Welt zu betreiben oder das beste Webdesign hinzulegen. Die Mechanik «Suchbegriff in Google und dann zur Website» gibt es zwar noch, doch immer mehr Traffic kommt inzwischen durch Social Media und Empfehlungen von anderen Usern.

Viel wichtiger ist es, die Community zu aktivieren und ständig zu befeuern. Dazu muss man ihr Möglichkeiten geben: Kommentare aktivieren, Share und Like-Buttons, Auftritte auf allen Social-Media-Plattformen einrichten und überhaupt dialogbereit sein. Jeder muss sich klar machen, dass dies einen bestimmten Kontrollverlust und das ein oder andere öffentliche Gemecker in negativen Kommentaren bedeutet, doch der ist es wert.

 

Der Launch zur Deadline

Auch im Webdesign gibt es immer etwas zu verbessern. Perfektionismus und der Ehrgeiz, etwas besser zu machen als alle anderen, sind gute Ziele – der Plan kann aber auch nach hinten losgehen. Einmal kurz nicht aufgepasst, und schon läuft man im Web hinterher. Für Relaunch oder Start einer Website sollte es daher nicht nur eine Deadline geben – man sollte sie auch einhalten. Sonst besteht die Gefahr, sich in zu vielen Features, noch mehr Feinschliff und weiteren Tests zu verzetteln. Vor lauter Perfektionismus geht das Projekt dann gar nicht mehr oder viel zu spät an den Start. Wie bei jeder Art von Projekten gilt: Die Deadline im Auge zu behalten hilft auch, das Budget nicht zu überziehen (fragen Sie mal in Berlin nach). Websites sind sowieso nie fertig. Nach dem Launch gibt es immer noch genug Gelegenheit, Features nachzuliefern oder hier und da etwas zu verbessern.